Das Geschenk

Zum 65. haben wir Papa einen Rundflug über das Dünenmeer von Sossusvlei geschenkt. Wir haben lange überlegt, ob er sich überhaupt darüber freuen würde. In einer kleinen Cessna über die Wüste Afrikas zu fliegen – als jemand der schon in einem Jumbo nicht gern einsteigt. Aber der Ausblick soll atemberaubend und unbeschreiblich sein im Sonnenuntergang über die Dünen zu schweben.

Und manchmal muss man seine Ängste überwinden und etwas neues erleben. Also haben wir es ihm einfach geschenkt. Bei der Übergabe hat sich Mama fast mehr darauf gefreut als Papa „Ach, das ist ja klasse, da freue ich mich aber schon drauf“. Wir lassen Sie zuerst mal in dem Glauben, aber eigentlich war das Geschenk nur für Papa bestimmt. Papas Reaktion fiel.. wie soll ich sagen.. verhaltener aus. Aber es war ja auch noch ein Monat Zeit.

Aber heute, wo der Tag gekommen ist, ist ihm doch etwas flau im Magen.

Da so ein Flug jedoch wetterabhängig ist konnten wir den nicht von Deutschland aus buchen sondern wollten das machen wenn wir vor Ort sind um zu sehen ob ein Flug überhaupt Sinn macht und möglich ist.

Chrischi und ich sind also gleich nach unserer Ankunft hingegangen um abzuklären welche Flüge es genau gibt, wie lange sie dauern, welche Strecke, welche Plätze frei sind etc.

Es kamen zwei Routen in Frage: 40 Minuten über das Dünenmeer bis zum Dead Vlei oder etwas über eine Stunde dann geht es noch raus bis zum Meer.

Wir haben der Dame gesagt, wir besprechen das kurz mit Mama und Papa und kommen gleich noch mal wieder. Als wir dann vorne in der Rezeption warteten haben wir uns gedacht – warum auf Mama und Papa warten und erst noch Diskussionen auslösen welche Route wir nehmen, wann wir fliegen und ob wir überhaupt fliegen. Denn Papa hat schon so ein paar Andeutungen gemacht, dass er nicht wirklich fliegen will.

Als wir vorhin vom Sossusvlei zurück gefahren sind war an einer kleinen Stelle ein bisschen diesige Sicht aufgrund von verwirbeltem Sand. Papas Kommentar: „Guckt mal, ob sich bei so einer Sicht ein Flug überhaupt lohnt?! Wäre doch Schade wir sind da oben und man sieht gar nicht so richtig schön.“ Ist klar! Der Flug war gebucht, also wird uns ein bisschen Sand nicht vom Start abhalten.

Der Flug soll um kurz nach Fünf gehen. Während wir bei Kaffee und Kuchen sitzen meint Papa „seit wir hier in Afrika sind, funktioniert mein Magen nicht mehr so richtig. Ich hab das Gefühl, dass ich bald Platz und das obwohl ich nur so wenig esse“ Irgendwas scheint ihm also wirklich auf den Magen zu schlagen.

Dann ist es soweit, wir gehen nach vorne, Chrischi und ich sind schon ein paar Minuten früher da

„Wir kommen für den Rundflug, 4 Personen Route 1“ Der Guide blättert. Und blättert. Und blättert. „Für heute?!“ „Ja!“ Blätter, blätter, blätter. „Hier ist für heute nichts eingetragen. Für morgen. Aber nicht für heute“ Das gibts doch nicht. Gestern erst gebucht und heute können sie die Buchung nicht mehr finden?! Inzwischen sind Mama und Papa auch angekommen. Also Papa die Situation begreift huscht Erleichterung über sein Gesicht. „Ach, das ist ja blöd. Aber ist ja egal, dann machen wir es halt morgen. Und wenn es nicht mehr klappt ist auch nicht so schlimm, es ist doch auch so schon schön. Das Geld könnt ihr lieber sparen“

Das könnte ihm so passen. So leicht lassen wir uns nicht abwimmeln. Der Guide telefoniert ein paar mal und versucht irgendwas zu regeln. Er meint „Eigentlich war heute nur eine Maschine geplant. Wir haben noch eine zweite aber wir müssen erst noch prüfen ob wir genug Sprit dafür haben.“ In der Zeit war Papa noch zwei, dreimal ein, dass die doch nicht extra so einen Aufwand machen müssen. Wenn es nicht klappt, dann klappt es leider nicht. Aber diese Kommentare prallten an uns ab. Irgendwann bekam der Guide wohl eine positive Antwort und meinte „Für Route 1 wird der Sprit wohl noch reichen“ Perfekt. Kurz noch die Formalitäten erledigt und dann gings los.

Jetzt gibt es auch für Papa kein zurück mehr.

Wir steigen auf einen Jeep und fahren zur 5 Minuten entfernten Landebahn. Wer jetzt einen deutschen Flughafen im Kopf hat kann das gleich vergessen. Es ist wirklich nur eine Staub und Schottenpiste mit einem größeren Schuppen, eine Art Hangar, mit zwei Cessnas davor. Unsere stand noch halb drin vermutlich wurde noch ein bisschen nachgetankt. Hoffentlich zumindest.

Pullover oder nicht?!

Pullover oder nicht?!

Aufgrund der Kleidungseskapaden hat sich Papa diesmal einen dicken Pullover mitgenommen um nicht wieder frieren zu müssen. Als wir aussteigen und vor den kleinen Maschinen stehen, in die wir gleich einsteigen sollen verstummt Papa fast vollendst. Außer einem leisen „Oh Gott, ich steig da nicht ein“ oder „Ich bleib hier“, „ich will da nicht rein“ ist von ihm während der kurzen Einweisung nicht viel zu hören. Mama redet gut auf ihn ein aber wir sind noch skeptisch ob er tatsächlich einsteigt. Die Flugzeuge sind wirklich winzig und erinnern von den Türen, Reifen etc. eher an einen alten fliegenden Käfer als an ein modernes, sicheres Flugzeug. Aber die machen diese Rundflüge hier mehrmals täglich, also wird schon alles seine Ordnung.

Wir haben noch 5 Minuten Zeit und Papa nutzt diese um noch einmal kurz zur Toilette zu gehen. Die Anspannung ist ihm förmlich anzusehen. Nachdem er da ist startet eine kurze Diskussion „Soll ich den Pullover jetzt anziehen oder nicht?! Wird es da oben viel kälter?!“ Hier unten grillen wir in der Abendsonne, aber da Chrischi und ich vorsichtshalber unsere Jacken überstreifen schlüpft auch er in seinen Pullover.

Unser Maschine

Unser Maschine

Der Pilot kommt und es geht los. Chrischi geht auf die Rückbank, Mama und ich auf die Plätze hinter dem Piloten und Papa, als Geburtsagsgeschenkskind „darf“ auf den Platz des Copiloten ganz nach vorn. In seinem dicken Pullover klettert er auf seinen Sitz und als wir alle in die Maschine eingestiegen sind startet der Pilot den Motor. Aber wir bleiben stehen. Mitten in der Sonne. Die eh schon warme Kabine heizt sich unerbärmlich auf. Wir müssen warten bis die andere Maschine losfliegt, da wir hinterher düsen. Zu der Hitze kommt auch noch der Angstschweiss, so dass Papa schon fast komplett durchnässt ist ehe es überhaupt losgeht. Da der Pilot auch nur in kurzem Hemd und kurzer Hose hier drin sitzt ist nicht davon auszugehen, dass es sich merklich abkühlt.

Chrischi und ich ziehen uns die Jacken wieder aus. Papa, der vorn einklemmt zwischen den Instrumenten in seinem dicken Pullover sitzt hat aber auch einfach kein Glück bei seiner Kleiderwahl. „Oh man ist das warm hier drin. Der dicke Pullover. Aber jetzt kann ich den bestimmt nicht mehr ausziehen“ Wir amüsieren uns hinten köstlich.

Gleich gehts los

Gleich gehts los

Aber da ich weiß, dass wir erst hinter den anderen Maschine starten werden und diese noch nicht mal los gerollt ist meine ich „Du hast noch genug Zeit. Zieh den Pullover lieber aus“ Er überlegt kurz und meint ja. Dann probiert er sich aus dem click here Pullover zu schälen. Stellt euch vor ihr sitzt im Auto hinterm Lenkrad und der Sitzt ist fast ganz nach vorn geschoben. Zudem stößt euer Kopf schon fast an das Dach und die Arme haben weder nach links noch rechts Platz. In dieser Position aus einem verschwitzen Kapuzen Pullover, der auch noch einen extrem hohen, geschlossenen Kragen hat zu kommen ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Aber Papa fängt an und wir kriegen uns hinten kaum noch ein vor Lachen.

Da ich hinter Papa sitze helfe ich ihm dabei den engen Pullover irgendwie seinen Rücken hochzuschieben und über seinen Kopf zu hieven. Mama fasst an den Armen auch noch mit an und mit vereinten Kräften schaffen wir es ihm das Ding förmlich vom Leib zu reissen. Gerade noch rechtzeitig, denn jetzt gehts los.

Der Motor dröhnt auf und wir rollen langsam zur Startbahn. Der anderen Maschine hinterher. Papa hat noch ein paar mehr Minuten sich auf den Start zu freuen, denn wir rollen erst ganz ans Ende der Piste. Oh man, was muss das für eine Folter für ihn sein.

So, wir sind am Ende angekommen, eine Drehung und da stehen wir. Die andere Maschine ist weg und jetzt hindert uns nichts mehr am starten. Der Pilot schließt noch kurz das klapprige Seitenfenster bevor er den Gashebel durchdrückt. Der Motor heult noch lauter auf und die Cessna nimmt Geschwindigkeit auf. Hier holpern wir in dieser kleinen Mühle über die Schotterpiste. Die Reifen hüpfen nur so über die Steine. Was ist eigentlich wenn hier mal ein Reifen platzt?! Keine Zeit zum Denken, denn der Flieger wird immer schneller und es wir immer lauter. Papa sagt kein Wort. Und dann plötzlich. Das Rumpeln hört auf. Wir sind in der Luft und steigen auf. In Sekunden verschwindet die Startbahn hinter uns, wir überfliegen unsere Lodge. Fliegen über einen Canyon und befinden uns auf dem Weg zu den Dünen. Die Aussicht: unbeschreiblich. Am Horizont neigt sich die Sonne dem Untergang entgegen, die Dünen werfen Schatten und von hier oben sieht alles noch einmal schöner aus. Aber das Flugzeug fliegt immer noch recht niedrig, so dass man alle Details erkennen kann.

Ihm gefällts

Ihm gefällts

Und Papa? Mit jeder Minute in der Luft fällt seine Anspannung und, wer hätte das Gedacht er genießt den Flug richtig. Auch er ist überwältigt von der Aussicht und den Eindrücken aus der Luft. Man mag sich gar nicht satt sehen. Haben wir heute morgen noch eine Stunde dafür gebraucht sind wir jetzt schon nach 15 Minuten an der Düne und am Dead Vlei angekommen.

Die Sonne geht immer weiter unter und das rot der Dünen wird immer intensiver. Fast könnte man meinen sie brennen. Manchmal fliegen wir noch ein paar Meter über die Dünen hinweg so dass wir die Oryx Antilopen aufscheuchen und diese aus Instinkt vor uns weglaufen.

Da sind wir also. Im kleinen Flugzeug über einen Meer aus roten Sanddünen. Unter uns springen die Antilopen, der Schatten unseres Flugzeugs gleitet über die Dünen und die Sonne verschwindet am Horizont. Unvergessliche Bilder.

Der Copilot

Der Copilot

Und auch für Papa vergeht die Zeit wie im Flug und er ist mehr als begeistert. Zwischendurch fängt er sogar wieder mit Späßen an. Er deutet an, dass er jetzt das Steuer übernehmen will (auch vor dem Kopiloten hängt ein Steuerknüppel). Als der Pilot das mitbekommt lässt er seinen sofort los und deutet das Papa jetzt gern übernehmen kann. Das wäre dann wohl doch ein bisschen zu viel für den ersten Flug. Er lehnt dankend ab.

Schneller als uns allen lieb ist sind die 40 Minuten rum und die Sonne geht unter. Es geht zurück zur Landebahn. Noch mal ein Flug über unsere Lodge und da ist die Piste auch schon. Ein paar hundert Meter vor uns setzt auch das andere Flugzeug zur Landung an. Wir dahinter. Kommen näher. Näher. Noch näher. Der andere setzt auf. Wir keine 100 Meter dahinter und noch verdammt schnell. Will der jetzt etwa noch hinter der anderen landen?!?! 50 Meter. Es wird totenstill in der Kabine. Noch 10 Meter. Nein, hinter der Aufsetzen ist unmöglich, wir sind viel zu schnell. Er fliegt keine 5 Meter über die andere drüber. Aber will er jetzt noch lande?!? Wir sind viel zu schnell für den kurzen Rest Landebahn. Aber er geht tiefer. Was macht der Typ da?!

Ein paar Sekunden lässt er uns noch bangen, dann gibt er Vollgas, zieht die Maschine nach oben, macht eine scharfe Rechtskurve und kann sich ein lautes lachen nicht verkneifen als er Papas „uiuiui…oohhhhh.neeeeiiiiin“ bei dem Mannöver hört. Ist geiler als Achterbahnfahren. Der Pilot lacht vor sich hin als er auf einen Knopf drückt und das Fahrwerk ausgefahren wird. Die ganze Aktion war also geplant, aber hat er sich wirklich eiskalt durchzogen. Ein toller Abschluss.

Als wir dann sich gelandet sind, aus der Maschine raus und auf dem Rückweg zur Lodge merkt man auf einmal wie entspannt und gelöst Papa ist. Es hat ihm richtig gut gefallen und endlich ist auch das Damoklässchwert „Rundflug“, vor dem er jetzt vier Wochen Angst hatte, weg. Und ich denke er ist sehr froh darüber, dass wir ihm zu seinem Glück Rundflug „gezwungen“ haben.

Beim Abendessen kann auch er jetzt wieder richtig zuschlagen. Sein Magen-Darm System funktioniert wieder ganz normal.

Nun kann auch er den Urlaub unbeschwert genießen.

 

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Unser Maschine

Unser Maschine

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Pullover oder nicht?!

Pullover oder nicht?!