Willkommen in Kuba

21. November. Ich öffne die Augen. Bis auf das Licht, das durch die Spalten der Tür vom Gang in unsere Kabine fällt ist es dunkel im Zimmer. Wie immer. Egal zu welcher Tageszeit. Da wir keine Uhr dabei haben außer die auf unseren Handys und weder wissen ob die Sonne schon aufgegangen oder es noch finstere Nacht ist verliert man jedes Gefühl für Zeit und Raum.

Henri schläft noch. Daher kann ich das Licht nicht anmachen um nach meinem Handy zu suchen welches irgendwo unter unserem Chaos liegt. Auch wenn der Kabinen-Steward unser Zimmer zweimal am Tag schön herrichteten sieht es doch nach nur ein paar Minuten wieder aus als hätte eine Bombe eingeschlagen.

11qm (inkl. Bad) sind einfach zu wenig für zwei Erwachsene und Henri. Und eigentlich soll diese Kabine hier für 4 Personen sein. Zwei Betten können von der Wand heruntergeklappt werden. So viel Mühe wir uns auch geben. Wir haben, ganz ungewöhnlich für uns, alle Koffer ausgepackt und die Kleidung ordnungsgemäß im Schrank verstaut statt wie sonst direkt aus dem Koffer zu leben. Sobald wir die Kabine betreten ist es vorbei mit der Ordnung: Henri kramt das Bett durcheinander, Simone öffnet die Badtür und ich versuche irgendwie den Kinderbuggy in eine Position zu bringen in der er am wenigsten stört – unmöglich.

Aber das war die vorletzte Nacht. Heute laufen wir in Havanna ein. Um 7 Uhr. Die Einfahrt wollte ich gern sehen. Deshalb möchte ich hier im dunkeln auch wissen ob es schon Zeit zum aufstehen ist oder ich mich noch mal umdrehen kann. Während ich mich noch frage ob ich das Handy suchen soll und ob es sich noch mal lohnt zu schlafen fängt es unter irgendeinem T-shirt auch schon an zu glimmen und der von mir gestellte Wecker fängt an zu klingeln. Irgendwie hangel ich mich im dunkeln an dem Buggy vorbei und schaffe es den Wecker auszustellen bevor er richtig laut wird und Henri weckt. 6:30 Uhr. Mist, ich hatte gehofft ich kann noch ein bisschen schlafen. Egal. Ich muss ein bisschen Licht in die Dunkelheit bringen damit ich meine Sachen finde. Das Problem ist, es gibt kein kleines Licht. Entweder richtig hell – mit der Gefahr, dass Henri wach wird oder dunkel. Also arbeiten wir mit einem kleinen Trick. Man tappt durch die Dunkelheit irgendwie bis zum Bad vor ohne irgendwas zu zertreten oder umzuwerfen was krach macht, schaltet das Licht im Bad ein und macht die Tür einen Spalt auf. Perfekt. Schnell in die Hose geschlüpft und aus der Kabine. Auch immer ein kritischer Moment denn sobald man die Tür öffnet wird unsere Kabine mit Licht aus dem Gang geflutet. Aber es klappt und Henri schläft friedlich weiter. Ich eile nach vorne zum Schiff wo wir einen „geheimen“ Platz gefunden haben und durch das Bullauge in der Tür am Gangende kann ich erkennen, dass es draußen schon hell ist.

Auf einem Schiff mit 2.000 Menschen gibt es nicht wirklich einen geheimen Platz den sonst keiner kennt aber es gibt Orte die nur wenige finden. Unsere Kabine ist auf Deck 8 und dort gibt es eine Tür ganz vorne mit einem Bullauge. Ich habe eigentlich gedacht die Tür sei verschlossen und nur für die Crew zugänglich aber ich war neugierig und ging eines Tage hin, versuchte sie zu öffnen und stellte mit Verwunderung fest – sie war offen. Einen Schritt und ich stand draußen. Direkt unter der Brücke auf einer Art Balkon. Ein paar Meter vor und eine Etage unter mir die Spitze des Schiffs die Lautlos durch den Ozean glitt.

Ich hatte mich vor ein paar Tagen schon gefragt wie es wohl damals war, als man den Ozean noch mit Segelschiffen überquert hatte. Heutzutage hört man auf dem Schiff immer etwas. Sei es Musik vom Deck. Das Reden anderer Gäste, die Wellen und Gischt oder am Heck das Dröhnen des Motors.

Aber hier vorn wo zu diesem Moment auch niemand anderes war – totale Stile. Hier und da hörte man mal das Plätschert einer Welle gegen den Rumpf aber ansonsten glitt dieses riesige Schiff absolut lautlos durch den Atlantik. Ein unbeschreiblicher Moment. Man steht hier vorne auf diesem Koloss – mehrere hundert Meter lang, tausende Tonne schwer, tosende Maschinen – und gleitet wie auf einem Segelschiff geräuschlos durch die click here Wellen. So ähnlich muss es früher gewesen sein. Abgesehen von dem Komfort auf den wir jederzeit zurückgreifen können. Und das wir wissen wo wir sind. Und wann wir ankommen. Ok, vermutlich war es damals doch ganz anders und die Leute hatten andere Sorgen. Aber hier vorne konnte man die Stille spüren. Mein absoluter Lieblingsplatz auf dem Schiff.

Wie gesagt gibt es auf dem Schiff keine wirklich geheimen Plätze also sah ich als ich morgens beim Einlaufen nach Havanna die Tür öffnete schon 8-10 andere Gäste aber alle schienen diese besondere Gefühl der Stille zu spüren und bewahren zu wollen denn wenn jemand sprach dann nur im Flüsterton.

 

IMG_9687Die Sonne ging gerade auf während wir in Havanna einliefen. Je näher wir kamen desto mehr nahm die Skyline von Havana Gestalt an. In der Ferne erkannte man die Kuppel des Capitol. Auf einem Hügel thront das Hotel National. Der Hafen von Havanna liegt in einer natürlichen Bucht. Und um die zu erreichen muss man durch eine kleine Meerenge. Dies war vermutlich auch der Grund warum die Spanier einst diesen Standort für ihren Hafen ausgewählt haben. Denn hier in Havanna sammelten sich seinerzeit die spanischen Schiffe gefüllt mit Silber und anderen Schätzen aus der neuen Welt um dann nach Europa zu segeln. Und durch die Meerenge lies sich der Hafen gut verteidigen. Besonders nach dem auf beiden Seiten Befestigungsanlagen samt einer Menge Kanonen – die immer noch dort stehen – gebaut wurden. Wir passierten also diese Forts im Sonnenaufgang und etwas war anders als bei den Häfen zuvor.

Normalerweise stehen die Kreuzfahrer an Deck und machen Fotos und die Einheimischen interessieren sich überhaupt nicht dafür – außer sie arbeiten im Tourismusgeschäft, dann erwarten sie einen mit diversen Angeboten am Hafen. Es laufen täglich zwei, drei, vier oder teilweise fünf riesige Kreuzfahrtschiffe die kleinen karibischen Inseln an so dass ihr Anblick einfach alltäglich geworden ist.

Anders in Havanna. Fast jeder der zu dieser frühen Uhrzeit am Malecon (der Uferpromenade von Havanna) unterwegs war blieb stehen und bestaunte diesen riesigen Koloss der sich seinen Weg durch die schmale Stelle bahnte. Vorbei an den alten Festungen und langsam im Hafenbecken drehte um anzulegen.

Jetzt werden wir fotografiert

Jetzt werden wir fotografiert

Ich hatte mir nicht viele Gedanken über Kuba gemacht, was die Leute dort haben oder nicht. Aber ich war sehr überrascht das von den vielen Kubanern, die stehen blieben etliche ihre Handys zückten um das Schiff zu fotografieren. Dies bedeutet zweierlei. Erstens sind die Kubaner vielleicht doch gar nicht so weit von uns entfernt wie vielleicht angenommen wird und zweites ist der Anblick eines Kreuzfahrtschiffes in Kuba für die allermeisten noch etwas sehr besonderes was wiederum heißt das nicht allzuviele dort anlegen – bisher.

Während wir also so langsam einlaufen, die Leute stehen bleiben, uns winken, uns fotografieren, tanzt plötzlich einer herum und ruft uns etwas aus vollem Hals zu. Meine Spanischkenntnisse sind zwar nicht besonders aber dafür reichen sie aus: Herzlich Willkommen auf Kuba.

Da Schiff legt an. Wir sind da. Jetzt kann unsere Reise beginnen. Wir sind gespannt.

 

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Jetzt werden wir fotografiert

Jetzt werden wir fotografiert

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